Bamberg

Der Siebenbürger Rudolf Wagner–Régeny

Peter Szaunig

        Wer in Berlin Urlaub macht und etwas Zeit mitbringt, sollte einmal über den schönen Dorotheenstädtischen Friedhof in der Chausseestraße schlendern. Dort begegnen einem neben Schinkel, Hegel und Fichte auch einige bedeutende Gestalten der DDR-Kultur: Hanns Eisler, Johannes R.Becher, Paul Dessau, Bert Brecht. Irgendwo zwischen Unbekannten steht ein schlichter Stein für Rudolf Wagner-Régeny (1903-1969), der sich durch die eingemeißelte schwungvolle Signatur des Komponisten von den übrigen abhebt. Der Komponist, der seine großen Opernerfolge in der Zeit des Nationalsozialismus hatte und später zu einem geehrten Bürger der DDR wurde, ist heute vergessen.
         Wieder einmal kann viel über die Gründe spekuliert werden, warum ein erfolgreicher Komponist von den Programmen und Spielplänen verschwindet. Dass dabei die Musik für politische Verwicklungen ihres Schöpfers zur Verantwortung gezogen wird, ist nichts Neues. Tatsächlich lasten Wagner-Régenys Erfolge in zwei Diktaturen unterschiedlichster Ideologie heute als größte Hypothek auf seiner Reputation.1
         In zwei entscheidenden Lebensphasen gehörte Rudolf Wagner Régeny zur absoluten Komponistenprominenz in Deutschland, und aus heutiger Sicht ist es schon verwunderlich, dass die Enzyklopädie MGG (Musik in Geschichte und Gegenwart – West) 1968 einen Autor (Ost) die Vita des damals namhaftesten Komponisten der DDR mit dem Satz pauschalisieren ließ: „Wie die 30er Jahre waren auch die 50er Jahre intensiven Schaffens gewidmet.“2
         Eine ähnlich peinliche Situation ergab sich 1969 – ein Jahr nach seinem Tod am 18. September 1968 – in seiner rumänischen Vaterstadt Reghin (Sächsisch Regen), wo zwar eine Gedenktafel ihm zu Ehren gestiftet wurde, allerdings mit dem falschen Sterbejahr 1970 versehen, und diese auch nur von den jeweiligen zweiten Vorsitzenden des (DDR) Deutschen und Rumänischen Komponistenverbandes enthüllt wurde. Die Musik zu dieser Gedenkfeier in Reghin kam dann auch nur von einer Schallplatte, da die Noten aus Ost-Berlin nicht rechtzeitig eingetroffen waren.
         Unabhängig irgend eines ihm persönlich gewidmeten Jubiläums, feierte der Berliner Adlerhof im April 2004 sein eigenes 250-tes Geburtstagsfest, wo zumindest bei diesem Anlass, das Amt für Bildung und Kultur des Berliner Bezirks Treptow-Köpenick, die Anbringung einer Gedenktafel für Rudolf Wagner–Régeny anordnete. So wurde am Haus Adlergestell 253/255 die Gedenktafel für den Komponisten Rudolf Wagner-Régeny enthüllt, der hier von 1950 bis zu seinem Tod im Jahre 1969 lebte und arbeitete. Bezirksstadträtin Eva Mendl erinnerte an seine kompositorische und Musikpädagogische Arbeit. An der Ehrung nahm auch die derzeit noch dort wohnende Witwe Gertie Wagner-Régeny teil.
         Auch gab es 2003 vor allem in den Großstädten der gewesenen DDR eine ganze Reihe von Jubiläumsveranstaltungen zu seinem 100. Geburtstag wie etwa in Berlin, Leipzig, Rostock und Dresden, wo im Rahmen der Dresdener Musikfestspiele eine Hommage à Rudolf Wagner-Régeny stattfand, wo drei seiner Meisterschüler Manfred Weiss, Wilfried Jentsch und Volker Hahn, ihren verehrten Meisterlehrer mit eigenen Kompositionen zu würdigen verstanden. Dieser war nämlich während des Nationalsozialismus einer der meistgespielten jungen Opernkomponisten, und später in der DDR als arrivierter Meister seines Faches 1955 auch hochangesehener Nationalpreisträger.
         Erfreulicherweise wurde sein 100. Jubiläumsjahr auch seitens der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen zum Anlass, innerhalb des Dinkelsbühler Sachsentreffens 2003, der Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage, in Speyer (Mannheim), als auch des seitens des Bonner Institutes für deutsche Musikkultur im östlichen Europas organisierten, im rumänischen Hermannstadt stattgefundenen Internationalen Musikwissenschaftlichen Symposiums – September 2003 – dieses großen Sohnes siebenbürgischer Herkunft zu gedenken. Nicht zuletzt soll hier eine beeindruckende Hommage-Veranstaltung zum 100-jährigen Geburtstagsjubiläum Rudolf Wagner-Régeny Erwähnung finden, die im Dezember 2003 im kleinen Konzertsaal des Münchener Gasteig über die Bühne ging, wo neben ausführlichen Lesungen über Leben und Werk Wagner-Régenys, eine Vielzahl von Auszügen aus seinen Opern, Kantaten, Orchester-und Kammermusikwerken, Liedern und Klaviermusik zu Gehör kamen, ergänzt durch zwei choreographische Darbietungen neben zahlreichen Dias, wobei ein reichhaltiges Saal-programm die schillernde, facettenreiche Persönlichkeit dieses komponierenden Humanisten, Kulturphilosophen und originellen siebenbürgischen Denkers ausführlich zu würdigen verhalf. Auch soll hier das Verdienst der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung München nicht unerwähnt bleiben, die neben den Gesamtkosten dieser Veranstaltung, auch ein Sonderprojekt des siebenbürgischen Musikpädagogen, Musikologen, Komponisten und Pianisten Peter Szaunig finanzierte, und erstmalig eine Jubiläums-CD mit einem repräsentativem Querschnitt des gesamten Klavier-Ouevres Wagner-Régenys, mit z.T. historischen Aufnahmen des Komponisten selbst, und zusätzlich ergänzenden Live-Einspielungen von Peter Szaunig, herausgab.
         Mit dem Pianisten Peter Szaunig fand dann auch nach rund 77 Jahren, am 28. März 2012 in Sibiu - Hermannstadt die rumänische Ur-und Erstaufführung Wagner-Régenys Klavierkonzert – der Orchestermusik mit Klavier - mit der Hermannstädter Staatsphilharmonie  unter der Leitung von Ilarion Ionescu-Galati statt, wo der Pianist als Zugabe eine eigene Komposition – Fugato und Passacaglia, „In Memoriam Rudolf Wagner-Régeny“ spielte.

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Rudolf Wagner-Régeny wurde am 28. August 1903 in Sächsisch-Regen (Szász-Régen) heute Reghin, Rumänien geboren, und ist neben Carl Orff und Werner Egk eine der repräsentativsten musikdramatischen Komponistenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Seine großen Opern Der Günstling (UA 1935 in Dresden unter Karl Böhm), Die Bürger von Calais (UA 1939 in Berlin unter Herbert von Karajan), Johanna Balk (UA an der Staatsoper Wien), Persische Episode (UA in Rostock), Das Bergwerk zu Falun (UA 1961 Salzburg), stellen neben zahlreichen frühen Einaktern und kleinen Opern, den großen Kantaten und dramatischen Formen des Spätwerkes, den späteren Orchesterwerken und kleinen Instrumentalformen, den Kammermusikkompositionen und Liedern der Frühe bis zu den Gesängen des Abschieds, ein beeindruckendes Schaffen dar.
         Es gibt in der Musik des 20. Jahrhunderts nicht viele Kompositionen von der spirituellen Tiefe, Aussagekraft, Geschlossenheit und Schönheit der Genesis (Oratorium, UA 1956 Leipzig), der Einleitung und Ode (UA 1967 Berlin), der Rilke Hesse- und Fontane- Lieder, wobei auch seine Kammer– und Klaviermusik ihren Beitrag zum Gesamtbild der europäischen Musikproduktion unserer Zeit leisten3.
         Wagner-Régenny’s „distanziert-verinnerlichte, karge Tonsprache, eines oft archaisch-anmutenden, schlichten-feinnervigen Klangbildes“ (Hindemith4), ist stets geprägt von seinen frühen musikalischen Eindrücken rumänisch-ungarischer Folklore und ergänzt sich in schöpferischer Symbiose mit mitteleuropäischen Stilrichtungen zu einer originellen polyphonen, rhythmisch-differenzierten Klangsprache. Neben dem kompositorischen Werk, hinterlies er mannigfaltige Aufzeichnungen, Vortragsmanuskripte, Essays, Briefe, Tagebücher und Notate, die gleichermaßen Kunstentwicklungen seiner Epoche, wie auch persönliche Schaffensmomente eines originellen Denkers und komponierenden Humanisten ausweisen.5
         Als 1935 der Günstling – oder Die letzten Tage des großen Herrn Fabiano – nach Victor Hugos Drama Maria Tudor in der Übersetzung Georg Büchners die der Textautor Caspar Neher frei bearbeitete, ein großer Erfolg wurde, genoss Wagner Régeny im Alter von 32. Jahren plötzlichen Ruhm. Bald spielten zahlreiche Bühnen im In-und Ausland das Werk nach, und so gelangte es bald auch nach Siebenbürgen. Das Theater in Sibiu (Hermannstadt) bereitete eine Freilichtinszenierung des Günstlings unter dem in Hermannstadt geborenen Dirigenten und späteren Kapellmeister der Berliner Staatsoper Carl Gorvin (eigentlich Karl Egon Glückselig). Hierzu wurde Wagner-Régeny speziell eingeladen, und verbrachte zusammen mit seiner Frau der jüdischen Bukarester Malerin und Bildhauerin Léli Duperrex nach 12 jähriger Abwesenheit, mehrere glückliche Monate in seiner Heimat. Hier beendete er auch die Orchestermusik mit Klavier (sein Klavierkonzert). Erinnerungen wurden in ihm wach: Sein Besuch am Gymnasium in Régen, sein erster Klavierunterricht, später verbunden mit Kompositionsunterricht bei Baldwin von Ramult; autodidaktischer Violinunterricht; mit 11 Jahren Aushilfe als Organist an der evangelischen Kirche, dort 1916 Aufführung einer eigenen Komposition für Chor, Soli, Streicher und Orgel, die leider verschollen ist.
         Im  September 1919 beginnt er zunächst ein Klavierstudium in Leipzig bei Robert Teichmüller. Nach nur drei Monaten setzt er jedoch sein Studium an der Musikhochschule Berlin-Charlottenburg fort, wo er eine Ausbildung in den Fächern Orchesterdirigieren und Partiturspiel bei Rudolf Krasselt, Tonsatz, Harmonielehre und Kontrapunkt mit Fr. Ernst Koch, Instrumentation mit Emil Nilolaus von Reznicek, Chordirigieren und Werkanalyse bei Siegfried Ochs erhielt. Zugleich begann hier auch seine innige  Freundschaft mit Boris Blacher. Als er schließlich sein Hochschulstudium mit Erfolg abschloss, verdiente er sich zunächst seinen Unterhalt als Stummfilm –und Kaffeehauspianist. Zwischen 1926 – 1929 bekam er dann eine Anstellung als Komponist, Pianist und Kapellmeister an der Kammertanzbühne Rudolf Labans. Es folgten zahlreiche  Tourneen durch Deutschland, die Schweiz, Holland und Österreich. 1947 starb seine Frau nach einem langen Krebsleiden. Im selben Jahr erfolgte dann seine Übersiedlung nach Rostock wo er zum Professor und Rektor der Rostocker Musikhochschule ernannt wurde.
         Zwar verfluchte er sein „Beamtendasein“, doch gab er vermehrt Kompositionsunterricht, musizierte und führte seine Studenten in die Musik Strawinskys, Schönbergs, Hindemiths, Weills und Busonis ein. Die Hochschule begann aufzublühen. Auch anderenorts hielt er Vorträge vor Lehrerstudenten und vor interessierten Laien in den umliegenden Städten. Er sprach über Gorki und Goethe, Krenek und Bach, über Literatur, Musik und Theater. Eine Grundhaltung klang immer wieder an: Toleranz, Bewahrung des Friedens und unvoreingenommene Betrachtung der Kulturleistungen aller Nationen. Er experimentierte mit Zwölftonreihen und versuchte, sie verschiedenen stilistischen Absichten dienstbar zu machen. Als Summe seiner Erfahrungen schrieb er ein Lehrbuch der Zwölftontechnik, das er jedoch unveröffentlicht ließ. Mit der Zeit stellte sich in Rostock ein Gefühl künstlerischer Isolation ein. Während in Berlin Freunde und Bekannte sich zu künstlerischem Arbeiten etabliert hatten, unter ihnen Boris Blacher, Hanns Eisler, Paul Dessau, Bert Brecht und Walter Felsenstein, beantragte Wagner-Régeny 1950 seine Entlassung und zog erneut nach Berlin. Hier übernahm er eine Meisterklasse für Komposition an der von Georg Knepler geleiteten Musikhochschule.
         Auch wurde er Mitglied der neugegründeten deutschen Akademie der Künste und heiratete wieder. Die gemeinsam mit Gertie, geborene Foth bezogene Wohnung in Berlin-Adlershof, wurde nun Treffpunkt für zahlreiche Kunstschaffende. Bert Brecht und Hanns Eisler kamen, Gret Palucca, Walter Felsenstein, Hans Heinz Stuckenschmidt, Alfred Schlee, Werner Egck, Boris Blacher, Georg Knepler, Gottfried von Einem, Heinz Hilpert, Caspar Neher und Gisela May waren Gäste bei Wagner-Régenys. Überdies kamen zahlreiche Meisterschüler. Sie hatten an der Akademie der Künste in Wagner-Régeny ihren Mentor gefunden. Einige sind heute namhafte Komponisten, unter ihnen Reiner Bredemeyer, Georg Katzer und Siegmund Matthus, Paul-Hein Dittrich, Manfred Schubert, Manfred Weiss, Tilo Medek und Friedrich Goldmann.
         1955 erhielt er den Nationalpreis der DDR. 1958 wurde er Mitglied der Akademie der Künste Berlin (West), und 1964 Mitglied der Bayrischen Akademie der Schönen Künste München. 1967 erfolgte dann die Emeritierung aus gesundheitlichen Gründen. Im Februar und März 1967 – zwei Monate nach seiner schweren Erkrankung und Operation – schuf der Komponist im Auftrag Kurt Sanderlings und des von diesem geleiteten Berliner Sinfonieorchesters (des heutigen Konzerthausorchesters) sein bedeutendstes Orchesterwerk: Einleitung und Ode. In diesem Werk das von ihm selbst als das „einfältigste und zugleich raffinierteste Stück meines Lebens“ genannt wurde, aber auch als Selbstportrait des Künstlers bezeichnet wurde, findet sich alles, was Wagner-Régenys Spätstil kennzeichnet: geistige Disziplin, Logik und Symmetrie der Form, Ökonomie der Mittel, Kraft des Melodischen, eine dem äußerlichen Effekt grundsätzlich abholde verinnerlicht-introvertierte Haltung.6
         Wagner-Régeny hat den Typus des modernen Musiktheaters neben Hindemith, Orff, Egk und Blacher entscheidend mitgeprägt. Er bleibt ein „Einzelgänger“, er ist kein „stilbildender Neuerer“ aber er ist ein Komponist, der mit Frank Martin, Johann Nepomuk David oder Karl A. Hartmann in eine Reihe gestellt werden kann.
Rudolf Wagner-Régeny starb am 18. September 1969 und wurde auf dem Städtischen Dorotheenfriedhof in Berlin beigesetzt.   


1 CD-Kritik über „Klaviermusik von Rudolf Wagner-Régeny“ von Thomas Vizthum, im online-Magazin eMusici GmbH vom 05.06.2004.

2 Artikel von Christoph Schwandt, „Diener zweier Diktaturen  - der Komponist Rudolf Wagner-Régeny“, in Zeitschrift für Musik – Regensburg, Oktober 1933

3S. Artikel von Karl Teutsch, „Wagner-Régeny Rudolf“, in Lexikon der Siebenbürger Sachsen, Wort und Welt-Verlag, Thaur bei Insbruck/Österreich 1933

4 Zitiert von Teutsch, ebenda

5 S. Max Becker, An den Ufern der Zeit. Rudolf Wagner Régeny, Taschenbuch-Verlag Philipp Reclam  Jun., Leipzig 1989

6 S. Artikel von Emeran Walter: „Musik gewordene Meditation“, in Musica, Heft 2, Jahrgang 26, März/April 1972, Verlag Bärenreiter, Kassel