Darmstadt: wesentliche Entdeckungen, Stillstand und Akademismus

 

       Als ich im Jahre 1972 zum dritten Mal die Darmstädter „Ferienkurse für neue Musik“ besuchte, richtete ich an den damaligen Direktor dieser Veranstaltung Herrn Ernst Thomas ein Schreiben, in dem ich ihm einige Meinungen und Eindrücke über den organisatorischen und inhaltlichen Verlauf der letzten, als auch der zukünftigen Editionen mitteilte.
        Es war das Jahr, in welchem die Bukarester Formation „Musica Nova“ innerhalb der Kurse  Werke  von Tiberiu Olah, Miriam Marbé, Octavian Nemescu und des Unterzeichneten aufführten. Zu jener Zeit wurden fortlaufend Gruppen rumänischer Komponisten als Stipendiaten eingeladen, die alle in engen Kontakten mit der internationalen Musikszene standen, und  vornehmlich innerhalb der Darmstädter Sommerkurse als auch der Festwochen des „Warschauer Herbstes“ teilnahmen, die jährlich in der Polnischen Hauptstadt stattfanden.
In Anbetracht der Ansichten, die ich mir damals bezüglich der bereits„historischen Existenz“ der Darmstädter Sommerkurse für Neue Musik aneignete und vertrat, haben diese eigentlich auch heute noch an ihrer (sei es auch historischen) Aktualität, um nichts eingebüßt. Somit sende ich ihnen dieses Material zur Veröffentlichung, welches einen wesentlichen Teil meiner Eindrücke der sich damals zugetragener Ereignisse widerspiegelt.

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Sehr geehrter Herr Direktor,
        auf diesem Wege möchte ich mich bei Ihnen für die Aufmerksamkeit bedanken, die Sie der rumänischen Musik während der Darmstädter Sommerkurse 1972 schenkten. Ich fand, dass die diesjährigen Kurse auf einem weitaus höheren Niveau stattfanden, die Gründung des Kompositions-Studio für Teilnehmer von Helmut Lachenmann und David Johnson geleitet, die Umgestaltung auf neuen Grundlagen des Instrumentalstudios, beide Tatsachen die zu ganz besonderen Ergebnissen führten, sowie die Gründung des Hörstudios für Tonbänder, die den Teilnehmern die Möglichkeit boten sich untereinander besser kennen zu lernen.  
        Die Möglichkeiten  zur Bearbeitung und Herstellung von Tönen durch elektro-akustische Mittel, sowie die aus dem Kompositionsstudio hervorgegangenen Spezialkurse (ich beziehe mich auf die von David Johnson und Peter Gena über elektronische Musik und Musik mit Computern gehaltenen), konnten den allgemeinen thematischen Plan durch wertvolle Beiträge bereichern. Ich bedauere, wie übrigens auch der größte Teil der Teilnehmer, die unangenehmen Zwischenfälle, die von einigen professionellen Störgeistern hervorgerufen wurden und ich habe meine Vermutung nochmals überprüfen können, dass durch diese Handlungsweise eine krasse musikalische Unfähigkeit verdeckt wird. Ich war vollauf mit der Erwiderung zufrieden –  die viel klarer als während der vorherigen Kurse ausfiel, - die diese von Seiten der Organisatoren und von Seiten derer, die zugegen waren, erhalten haben.  
Ich würde es als meine Pflicht ansehen, einige Bemerkungen und Vorschläge hinzuzufügen (die bereits von manchen Teilnehmern ausgesprochen wurden) und einige persönliche Ideen einbringen, die die Verbesserungsmöglichkeiten der Kurse betreffen.
        Im Zusammenhang mit dem allgemeinen Profil zur Durchführung der Kurse, erlaube ich mir folgende Bemerkungen:

       1. In den letzten 25 Jahren „Neuer Musik“ gab es ein ungeheures faktisches Material. Wenn auch während der Periode 1955-1965 wesentliche Entdeckungen gemacht wurden, durch die die Aufmerksamkeit der gesamten musikalischen Welt auf die Darmstädter Schule gerichtet wurde, folgte eine Periode des Stillstandes und Akademismus, die oft mit Sorge verfolgt wurde. Ein entscheidender Schritt in Richtung Reaktualisierung der gegenwärtigen Saison der Kurse, bezüglich einer  Umgestaltung dieser auf neue Grundlagen mit all den bekannten Erfolgen, wurde nur zum Teil durchgeführt. Was meiner Meinung nach dem Profil dieser Kurse fehlte, war ein bestimmtes Verallgemeinerungs Niveau, eine Synthese der Grundbegriffe musikalischer Erfahrungen der letzten 25 Jahre, eine Neuwertung dieser anhand allgemein objektiver geschichtlicher und kultureller Kriterien, die es ermöglichten die Koordinaten dieses äußerst komplexen Phänomens zu definieren, um das Mit inbegriffene zu enthüllen.
        Weiterhin beschränkte sich die Präsens großer Meister hauptsächlich auf eine mehr oder weniger ausführliche Darbietung ihrer persönlichen „Küche“ bei Analysen einiger Werke von mehr oder weniger aktuellem Datum. Ohne das Interesse an solchen Analysen zu bestreiten, glaube ich, dass dieses Interesse geringer wird für den, der einem großen Meister entgegenkommen will und der im Prinzip bereits über seine neuen Werke informiert ist sobald (in vielen Fällen) ein bibliographisches Material, von den Autoren selbst herausgegeben, vorliegt. Es ist immer ein Problem zu wissen, in wie fern ein Autor über eine neue oder sehr aktuelle eigene Arbeit alles wissen oder behaupten könnte, und vor allem, in wieweit seine Behauptungen von den Teilnehmern als relevant betrachtet werden.
        Ich denke, dass nur in dem Maße, in dem ein Jugendlicher der nach Darmstadt kommt, die mitteilenden allgemeinen Koordinaten des Phänomens aufnimmt um diesem nach eigenen Möglichkeiten zu folgen, kann die Darmstädter Erfahrung für seine weitere Entwicklung fruchtbar werden. Die Kurse der letzten Jahre haben sich als immer un didaktischer erwiesen. Dieses kam besonders in den letzten Saisons zum Ausdruck. Es wurden bloß persönliche Versuche vermittelt, (von denen bekannt ist, dass sie in jedem Phänomen der Kunst in eigener konkreter Form verschlossen bleiben und je genialer – desto unwiederholbarer) und man baute zu sehr (bewusst oder nicht) auf die Fähigkeit aller Kursanten, diese Sache zu verstehen: die Bedeutung einer eigenen Entwicklung in Verneinung und durch Verneinung. Das Endergebnis war vielsagend: eine minderwertigere Wiederaufnahme derselben Erfahrungen und Ideen, und besonders ein fast allgemeines Aneignen der Improvisation, die als einzige im gegebenen Moment die notwendige Offenheit der Übertragung und Entwicklung eines an Allgemeinheit mangelnden (ich würde sagen: an Intellektualität mangelnden) Phänomens sicherstellte.  
        Seit Boulez's Studien (I.und II.Band) über Neue Musik, wurden in Darmstadt keine grundsätzlichen Strukturuntersuchungen durchgeführt. In diesem Sinne wäre vielleicht schon seit Jahren wichtiger gewesen, die Sichtweise großer Meister, einer Analyse durch eigene Sichtweise zu ermöglichen, das gesamte Phänomen betreffend. Auch erscheint es von geringem Interesse, die Beschreibung einiger eigener Werke oder einiger neu hergestellter Instrumente zur Thematik von n Sitzungen innerhalb eines ganzen Kurses zu machen. Außerhalb des Verhältnisses zwischen „sich selbst“ als eigentliches Objekt und allem Übrigen das einem in gleichem Maße gegeben ist zu kennen und auf konventionellem Allgemeinheitsniveau darzubieten, kann ein Kurs nicht abgehalten werden. Von diesem Standpunkt war die Gegenwart von Xenakis innerhalb der diesjährigen Kurse gutgeheißen, nicht etwa wegen der Ansichten, die Kennern mitgeteilt wurden, sondern als Problem einer erweiterten wissenschaftlichen Forschungsrichtung des musikalischen Phänomens im Allgemeinen. Gewiss beschränkt sich eine solche Forschungsrichtung nicht nur auf diese bestimmte Orientierung; sie scheint viel komplexer als jede formulierte Theorie und stellt eines der Hauptziele  dar, die somit in einem bedeutenden Arbeitszentrum verfolgt werden müsste.

        2. Im Zusammenhang mit den oben gesagtem ergibt sich für die Orientierung zukünftiger Kurse das Problem, ob auch in Zukunft die Vorträge das Aussehen einer breiten Popularisierung (Vulgarisierung) von bereits bekannten Daten haben werden, oder ob die ganze Aktivität auf Forschung und Experiment ausgerichtet wird.
        Eine Antwort auf diese Frage mit äußerst komplexen Folgen in jeder Hinsicht könnte ich nicht genau geben. Ich glaube aber, dass in dem Maße, in dem sich die Kurse von Darmstadt von einer bloßen Information (ein Begriff mit sehr elastischen Implikationen) zu einer aktiven theoretischen und praktischen Forschung entwickeln werden und in dem Maße, in dem alle notwendigen Bedingungen für periodische Zusammenkünfte von Blickpunkten verschiedenster Arbeitszentren der Welt (Persönlichkeiten und Gruppen die sonst niemals zusammentreffen und zusammenarbeiten könnten) geschaffen werden, muss gleich zu Beginn Inkompetenz und Ablenkungen durch lächerliche unnütze Diskussionen in einem Bereich der sich als zu ernst erwies, ausgeschlossen werden. Daher das Problem oben erwähnter Kriterien, wonach bezüglich der Teilnehmer im Vorfeld eine entsprechend überzeugende Auswahl getroffen werden muss.

       3. Eine Reihe von Ergebnissen, die der umgestalteten Tätigkeit des Instrumentalstudios zuzuschreiben sind, stellen ebenfalls einige Probleme:
        Wenn sich die Tätigkeit des Instrumentalstudios auch weiterhin auf das Studium die Durchführung und Vorführung einiger von der Problematik her interessanter Texte vor allem diejenigen mit hohem Inventionskoeffizienten und geistiger Anstrengung ausgerichtet sind, so könnten diese Texte nicht wem immer anvertraut werden. Es handelt sich dabei um Musikgruppen verschiedenartiger Vorbildung und mit verschiedenartiger Erfahrung, die da ad hoc zusammengestellt werden, obwohl sie auch von je einem Dozenten angeleitet sind.      
        Das Phänomen der kollektiven Improvisation, das heute von solch großem Interesse, vor allem durch seine ständige Verbreitung ist, müsste gründlich, konsequent, in seinen besten Ausführungsmöglichkeiten studiert werden. Es müsste einer eingehenden Analyse und einer in diesem Sinne orientierten Praxis unterworfen werden.
        Man könnte während der diesjährigen Tagung der Sommerkurse feststellen, dass nicht jeder Interpret befähigt ist zu Improvisieren oder dieses „zu lernen“ (mittelmäßige Ergebnisse zeugten davon). In diesem Falle muss die gesamte Problematik umgedacht werden. Und wenn wirklich sich zukünftige Kurse mit dem kollektiven Improvisationsphänomen beschäftigen sollten – ich halte es für sehr notwendig – so muss dieses bereits gebildeter Gruppen vorgelegt werden. Diese Gruppen müssten ein vorher genau ausgearbeitetes Material vorführen, ein Material nach überzeugenden Bedeutungs - und Ordnungskriterien ausgewählt, um nachher die Resultate einer strengen vergleichenden Analyse zu unterziehen.

Nicolae Brânduș