Die Nationale Universität für Musik Bukarest
11. September 2011
Die Festversammlung des Senats der Nationalen Universität für Musik Bukarest


AUSZEICHNUNG MIT DEM TITEL DOCTOR HONORIS CAUSA
AN DEN MAESTRO ALFRED BRENDEL

L A U D A T I O

        Mit großer Begeisterung und Freude hat die akademische Gemeinschaft der Nationalen Universität für Musik Bukarest die Ehre, an einem außergewöhnlichen Ereignis teilzunehmen, dessen Protagonist ein großer Maestro, einer der größten Musiker aller Zeiten, der Klavierspieler Alfred Brendel ist.


        Als wir vor 20 Jahren schüchtern auf die Bühne getreten sind, um unsere Prüfungen abzulegen, war es schwer vorstellbar, dass wir auf der selben Bühne das Vorbild der jetzigen Generationen von Pianisten, Musikern und Musikbegeisterten sehen werden. Das Unmögliche wurde jetzt möglich!
        Auch wenn ich nie die Gelegenheit gehabt habe, ihn live auf der Bühne zu hören, wage ich zu gestehen, dass Alfred Bredel mein berufliches Leben beachtlich beeinflusst hat. Die Berichte von Gabriel Amiraş waren der Anfang: Berichte über Alfred Brendels Repertoire (Totentanz von Liszt wurde schnell auch in unser Repertoire übernommen), über seinen Anschlag und über die Vielfalt seines musikalischen Timbres, über die Orchestrierung der Sonoritäten und die Bestimmung der musikalischen Eigenschaften. Dann hörte ich fasziniert die Aufnahmen der Sonaten von Beethoven, die auf das Band des Tesla Magnetophons aufgenommen wurden, sah Videokasetten, die in der damaligen Zeit schwer zu bekommen waren. Zu der Entdeckung der Bücher, Bücher, die später zum grundlegenden Arbeitsmaterial der Klavierklasse der Nationalen Universität für Musik Bukarest geworden sind, kam der nach 1990 viel leichtere Zugang zu den CD-Aufnahmen des berühmten Künstlers. Vor relativ kurzer Zeit bekamen wir die Concluding Notes Schallplatte, die von der Firma Steinway produziert wurde und die diesem „Man of Arts”, dem Meister Alfred Brendel, gewidmet ist. Auf der Platte finden wir neben Bach (Das italienische Konzert und die Chromatische Phantasie) und Beethoven (Sonate  op. 106), auch ein Gedicht voller Charme und feiner Ironie, Ditiramb für das 150. Jubiläum (der Firma Steinway), gelesen von Alfred Brendel selbst.
         Wenige von uns wissen, dass Alfred Brendel 1970 im Ateneu gespielt hat, wo er das letzte Konzert Mozarts, K.595, dargeboten hat. Alfred Hoffman schrieb damals im Contemporanul: ”...er nähert sich mutig dem Drama... mit Kontrasten und Stimmungsänderungen, die unseren Atem stocken lassen, er folgt mit Raffinesse allen Subtilitäten der inneren Musiknuancen und bewahrt die ursprüngliche Frische. ”
         Alles, was Alfred Brendel spielt oder schreibt, ergreift uns, berührt uns, oder macht uns nachdenklich, bezaubert uns und erschüttert uns gleichzeitig.
         Die seelische Wärme, die von den Blitzstrahlen der Ideen durchquert wird, ist mit einer entwaffnenden Natürlichkeit wiedergegeben. Wenn wir Alfred Brendel hören, scheint alles so einfach zu sein; wenn wir Alfred Brendel lesen, scheint alles so natürlich zu sein, dass wir uns fragen: Warum haben wir nicht daran gedacht?
         Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass die Anwesenden die wichtigen Erfolge in der Karriere des Meisters kennen, erlaube ich mir die markantesten Ereignisse zu rekapitulieren, auf der Grundlage seiner Ausführungen im Gespräch mit Martin Meyer.
         Alfred Brendel wurde in Wiesenberg (Nordmähren) geboren, in einer Familie mit deutschen, österreichischen, italienischen und slawischen Wurzeln. Mitteleuropa war so etwas wie seine Heimat, und zwar vor allem, literarisch und musikalisch. Er studierte Klavier, Komposition und Dirigieren in Zagreb und Graz. Nach seinem 16. Lebensjahr hatte er keinen akademischen Unterricht mehr; er besuchte Meisterklassen bei Edwin Fischer, Paul Baumgartner, Eduard Steuermann und bei seinem Ratgeber... dem Magnetophon, das eine wichtige Rolle bei der Stärkung der musikalischen Selbstständigkeit gespielt hat, durch die Verfeinerung seines musikalischen Gehörs und durch den Prozess der Bewusstwerdung des interpretativen Akts.
         Mit 17 Jahren gab er sein erstes öffentliches Konzert, Die Fuge in der Klavierliteratur, mit Werken von Bach, Brahms, Liszt und einer eigenen Komposition, einer Sonate mit doppelter Fuge. Der Preis des internationalen Wettbewerbs Busoni in Bozen (1949) öffnete ihm die Tore für die Konzertkarriere. Sein erstes Konzert mit Orchester gab er in Graz mit dem 5. Klavierkonzert von Beethoven.
         Alfred Brendel forcierte seinen künstlerischen Aufstieg nicht. Er hatte Geduld und Vertrauen. Er ahnte sein eigenes Talent und gleichzeitig übernahm er die Verantwortung einer Langzeitaufgabe, mit der er, würden wir sagen, begnadet ist! Es geht um eine Konzertkarriere, die sich über 60 Jahre erstreckt, auf den Bühnen der renommiertesten Konzertsäle weltweit, zusammen mit den größten Orchestern, mit berühmten Dirigenten, in Zusammenarbeit mit den namhaftesten Aufnahmestudios. Seine Aufnahme der  gesamten
         32 Sonaten für Klavier von Beethoven 1960  bei Vox wurde die erste weltweit. 1970 für Philips und erneut 1996 nimmt er weitere zwei Versionen der Sonaten auf. Er stellt diese in Serien von 7 Konzerten vor, auf den Bühnen 11 wichtiger Städte der Welt.
         Wer sein ganzes Repertoire, sei es im Konzert dargeboten oder auf Tonträger aufgenommen, zur Kenntnis nimmt, ist davon überzeugt, dass Alfred Brendel ALLES spielt, was an bedeutenden Klavierwerken im mitteleuropäischen Raum geschrieben worden ist, und nicht nur ! Von Bach, über die Werke der Wiener Klassiker und der deutschen Romantiker, bis zu Strawinski, Mussorgski, Bartók, Prokofjew, Schönberg, Busoni und zeitgenössischen Komponisten, er suchte die Stücken, mit denen man ein Leben verbringen kann, Werke, die ”ständig neue Energien aussenden”. Ihn interessierte nie die Virtuosität selbst, sondern die gute Musik; er hatte „nie Technik fur sich geübt, sondern immer nur an den Stücken gelernt”.
         Er ist der zeitgenössische Pianist mit den meisten Aufnahmen. Aus seiner beeindruckenden Diskographie nenne ich nur: alle Mozartkonzerte (mit Sir Neville Mariner und The Academy St. Martin in the Fields), die Konzerte von Beethoven, Schumann, Liszt, Brahms (1990 mit der Berliner Philharmonie und Claudio Abbado), Referenzvarianten der Sonaten von Schubert, der Wanderer Phantasie, der Sonaten von Haydn, Mozart, der Werke von Liszt (Sonate in h-Moll, Funerailles, Harmonies poetiques et religieuses), Variationen, Zyklen von Stücken und andere Werke von Beethoven, Mozart, Schubert, Brahms, Schumann.
         Zu den markantesten Veröffentlichungen Brendels des vergangenen Jahrzehnts gehören die Aufnahmen mit Mozartsonaten (K332, K333, K457, K540 - 2001; K281, K282, K576, Fantasia in c-moll - 2005), die Einspielungen mit Mathias Goerne (Schubert, Winterreise -                                                                                                                                                2004 und Schwanengesang - 2005), “Alfred Brendel in Rezital“ (2007), „The Artist's Choice Collection“ (2008), „The Farewell Concerts“ (2009), “Alfred Brendel: Artist’s Choice. Seine persönliche Auswahl“ (2011) und “Alfred Brendel– A Birthday Tribute“ (2011). Außerdem veröffentlichte er in Dichterlesung eigene Poeme unter dem Titel “Alfred Brendel liest“ (2008/10).
         Alfred Brendel erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen: den Preis der Liszt-Gesellschaft, den Gramophone Preis, Grand Prix de l´Academic de Disque Français, den Deutschen Schallplattenpreis, den Preis der japanischen Schallplattenakademie, den Siemens Preis, den Venezia Preis, den Léonie Sonning Musikpreis, den Robert Schumann Preis,  den Herbert von Karajan Musikpreis, die Hans von Bülow Medaille der Berliner Philharmonie. Im Dezember 1998 wurde Alfred Brendel Ehrenmitglied der Wiener Philharmonie. Er ist Doctor Honoris Causa der Universitäten von London, Oxford, Yale und der Hochschulen für Musik von Graz und Weimar. Seit 2009 ist Alfred Brendel Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2010 erhielt er das Goldene Ehrenzeichen fűr Verdienste um das Land Wien.
         Als echte Renaissancepersönlichkeit fühlt Alfred Brendel auch zu anderen künstlerischen Bereichen hingezogen. Er beschäftigt sich mit Malerei, Architektur, Bildhauerei, Theater, Film und, vor allem anderen, mit Literatur. Neben der Musik ist das Schreiben eine ständige Ausdrucksform; wie der Künstler selbst gesteht ist „die Literatur für immer seine zweite Existenz gewesen”. Alfred Brendel gebietet über die Töne mit der gleichen Virtuosität wie über die Worte, mit der gleichen Phantasie und Ingeniosität; in beiden Rollen hat er viele Ideen und diese Ideen vermittelt er uns mit Leidenschaft und totaler Hingabe. Er veröffentlichte Essays-Sammlungen (Nachdenken über Musik, Musik beim Wort genommen, Über Musik), ein Buch mit Gesprächen mit Martin Meyer (Ausgerechnet ich), kurze Prosa, Gedichte. Im Bezug auf seine literarischen Werke rät uns die Süddeutsche Zeitung: „Nein, nicht einfach lesen, sondern genüsslich auf der Zunge zergehen lassen”.
         Am 18. Dezember 2008 verabschiedete sich Alfred  Brendel vom Konzertleben mit dem Klavierkonzert K.271 von Mozart; es spielten die Wiener Philharmoniker unter Charles Mackerras im Musikverein. Er widmet sich weiterhin der Musik durch Konferenzen, Vorträge, Meisterklassen.
         Die Aufnahmen von Alfred Brendel sind ein Maßstab für das Verstehen und Interpretieren der Musik und garantieren, dass diejenigen, die diesem Weg folgen werden, Zugang zu dem Kern und dem tiefen Sinn der Musik haben. Als herausragender Geist ist Alfred Brendel Synonym für Perfektion, für die Demut vor der Partitur, aber auch für die Enthüllung und die Ausleuchtung des musikalischen Textes. Brendel erkennt, dass der Interpret eine Persönlichkeit, die zwischen Einfühlung und Distanz („at the same time involved and detached” – Thomas Nagel), zwischen Selbstzweifel und Sicherheit gespalten ist. Er schätzt es nicht, einen „Klavierphilosophen” genannt zu werden, sondern eher ein Denker, ein Künstler der sich in die Reflektion vertieft. Auch wenn er als der feingeistigste und „philosophischste der Pianisten betrachtet wird” (so Joachim Kaiser), meint Brendel, dass er ein Musiker des Instinkts bleibe, der die Kontrolle des Verstandes beanspruche. Für Brendel ist das Gefühl das Alpha und Omega, „alles soll vom Gefühl ausgehen und wieder zu einem vermittelten Gefühl zuruckkehren ,mit Hilfe des Verstandes, der Filter des Gefühls ist, der die Qualitat der Gefühle beobachtet und beurteilt, welche Gefühle nobel und primär und welche sekundar und verlogen sind ”.
          Das ist der Grund, warum Alfred Brendel überall auf der Welt für seine künstlerische Botschaft, die aus dem Herzen kommt und zum Herzen geht, so geliebt und geschätzt wird.
In einem Interview, dass in der Zeit veröffentlicht wurde, legte Alfred Brendel eine imaginäre Liste der Eingeladenen zu seinem Abschiedskonzert vor. Die Liste beginnt mit Shakespeare, reicht bis Daniil Harms und Mozart. Auf meiner imaginären Liste hat Alfred Brendel eine privilegierte Stellung. Zum Glück, befindet sich unser Ehrengast nicht nur in dem imaginären Raum. Wir haben die Ehre, ihn in unserer Mitte zu haben, in Bukarest, in Mittelosteuropa und dafür danken wir Ihm!





Prof. Dr. Dana Borşan
(Deutsche Version: Anca Ianc)